Interview mit Christian Höppner zum Musik-Campus

»Solche Projekte sucht man wie Goldstaub«

Bein Thema Musik-Campus bekommt Münster gerade von auswärtigen Experten viel Bestätigung. So auch aus dem Munde von Prof. Christian Höppner (Berlin), dem Generalsekretär des Deutschen Musikrates.

Die Überlegungen zum Bau eines „Musik-Campus“ in Münster werden konkreter. Beim jüngsten Stadtforum gab es Rückenwind gerade auch von auswärtigen Experten, darunter der Generalsekretär des Deutschen Musikrates, Prof. Christian Höppner (Berlin). Im Gespräch haben wir nachgefragt, wie ihm das Projekt und seine Präsentation gefallen.

Welchen Eindruck haben Sie von der Debatte in Münster mitgenommen?

Christian Höppner: Die Atmosphäre in Münster empfand ich als konstruktiv. Man hat ernsthaft und aufmerksam miteinander gerungen. Etwas schwach fand ich die Flugblattaktion jener Initiativen, die andere Standorte bevorzugen. Ansonsten habe ich keine überbordenden Ressort­egoismen wahrgenommen. Diesen konstruktiven Geist, der sich offenbarte, sollte sich Münster bewahren!

Ist das Thema „Musik-Campus“ schon früher einmal bei Ihnen aufgeschlagen?

Höppner: Nein, von den Plänen um einen Campus hatte ich vorher noch nichts gehört. Aber dann kam die Anfrage aus Münster, und so habe ich mich mit dem Thema vor einigen Wochen beschäftigt. Das ist auch für mich ein Erkenntnisprozess, und da bin ich stets vorsichtig. Manchmal erlebe ich ja auch, dass manche Projekte mit viel Schaumschlägerei verbunden sind. Aber dann habe ich recherchiert und mit Golo Berg gesprochen. Ich war in positivem Sinne irritiert und bin neugierig geworden. Ich muss sagen: Ein solches Konzept hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Und, was mir besonders positiv auffiel: Die ringen da in Münster ja richtig um Inhalte! Das habe ich zum Schluss der Debatte dann auch Ihrem Oberbürgermeister und dem Stadtbaurat als meinen positiven Eindruck vermittelt.

Wie könnte das jetzt in Münster weitergehen? Was empfehlen Sie als Musikrat?

Höppner: Ein solches Projekt kann nicht nur deutschlandweit, sondern auch europaweit positive Ausstrahlung entwickeln. Und zwar genau in einer Gesellschaft, die vielerorts von Spaltung bedroht ist. Solche Projekte sucht man wie Goldstaub. 2020 ist gerade mit Blick auf den Bund ein sich schließendes Zeitfenster, in dem man angesichts der 2021 anstehenden Wahlen auf ein solches Projekt aufmerksam machen und um eine Anschubfinanzierung werben kann.

Wie sehen die Chancen für solche Bundesmittel aus?

Höppner: Ich habe Staatsministerin Monika Grütters einen Brief geschrieben und mich im Namen des Musikrates für das Projekt eingesetzt. Jetzt schon Einschätzungen über die Erfolgsaussichten zu geben oder gar über Fördersummen, wäre Kaffeesatzleserei. Aber nach meiner Einschätzung ist der Musik-Campus in Münster ein fantastisches Projekt, und das werde ich an geeigneter Stelle genau so zum Ausdruck bringen.

Sie haben in Münster auch das Thema „ Unesco und immaterielles Kulturerbe“ in die Diskussion gebracht …

Höppner: Das habe ich sozusagen als Anreiz und zusätzlichen Vitaminstoß für das Projekt verstanden. Eine solche Bewerbung käme natürlich erst in Frage, wenn der Musik-Campus steht und die Akteure genügend Erfahrungen damit gesammelt haben. Mein Hinweis in diesem Zusammenhang: Dem Deutschen Musikrat und dem Bühnenverein ist die erfolgreiche Platzierung der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft auf die nationale Unesco-Liste gelungen.

Großprojekte dieser Art wecken, gerade in der Freien Künstlerszene, immer auch Bedenken und Ängste …

Höppner: Dieses Phänomen kennen wir, und das beobachten wir auch bundesweit. Alle Teilnehmer des Kulturellen Lebens kennen Konkurrenz und Wettstreit. Aber die Zeiten, in denen man sich gegenseitig kannibalisiert, sind doch vorbei! In der viertstärksten Industrienation der Welt müssen wir Kreativschaffende doch einig sein, unsere kulturpolitischen Forderungen offensiver zu vertreten.

Wie könnte das Verfahren in Münster nun weitergehen?

Höppner: Weil die Zeit auch wegen bevorstehender Wahlen auf Bundesebene drängt, rege ich an, die Bundestagsabgeordneten der Regionen noch stärker für dieses Projekt zu gewinnen. Vielleicht ließe sich so schon für den Haushalt 2021 eine Anschubfinanzierung ermöglichen.

Sie haben in Münster sicher mitbekommen, dass es unterschiedliche Standort-Vorschläge gibt …

Höppner: Mit den unterschiedlichen Standortvorschlägen bin ich natürlich zu wenig vertraut, um da Expertisen abzugeben. Konzentration auf einen Campus und die Dezentralität einer Musikschule in den Stadtteilen zum Beispiel müssen aber kein Gegensatz sein. Für die gegenseitige Inspiration und Begegnung braucht es zentrale Lösungen. Man sollte aber hier kein „Entweder-oder“ aufbauen.

Was kann der Musikrat noch für Münster tun, etwa im Hinblick auf Architektur oder Akustik eines Musikzentrums inklusive Konzertsaal?

Höppner: Wir können Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern knüpfen, Empfehlungen abgeben, Bewusstsein bilden, um Ressourcen zu heben. Das gehört zu unserem Kerngeschäft. Wir bündeln die Arbeit von 100 Dach- und Fachverbänden, die im Zweifel weitere Expertisen geben können. Aber wir mischen uns nicht direkt in architektonische Baupläne oder Standortdebatten ein. Das ist nicht unsere Aufgabe. Auf jeden Fall habe ich in Münster einen positiven Eindruck von den Akteuren und Inhalten der Diskussion gewonnen. Deshalb habe ich abschließend gesagt: „Ich gehe beglückt von dannen!“

Prof. Christian Höppner (63) ist Generalsekretär des Deutschen Musikrates, dessen Präsidiumsmitglied bzw. Vizepräsident er von 2000 bis 2004 war, und Kulturratspräsident a.D. In den 16 Jahren seiner Vorstandsarbeit beim Deutschen Kulturrat, davon zehn Jahre als Vizepräsident und mit satzungsbedingt zulässigen zwei Amtsperioden als Präsident, engagierte er sich unter anderem sechs Jahre in der Deutschen Unesco-Kommission, zehn Jahre im Rundfunkrat der Deutschen Welle und 15 Jahre als Vorsitzender des Medienbeirates von RTL. Seit 1986 unterrichtet er Violoncello an der Universität der Künste Berlin. Höppner arbeitet in zahlreichen Kuratorien und Preisjurys mit. 2016 erhielt er für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

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